von Eva Gajek und Lilli Rast
Wo lebten die Reichsten einer Stadt um 1913? In den neu gegründeten Villenkolonien am Stadtrand – oder weiterhin im historischen Zentrum? Unser Projekt „Where the Rich Live: Mapping Villa Neighborhoods and Cultures of Wealth in Germany’s Long Twentieth Century (RichMap)“1 untersucht die Entstehung, Entwicklung und Wandlung von Villenvierteln nicht nur in Bezug auf die räumliche Verteilung von Wohlstand, sondern auch mit Blick auf die kulturellen und sozialen Dynamiken, die dazu beitragen, dass bestimmte Stadtteile im langen 20. Jahrhundert als exklusive Wohnorte etabliert bleiben, ihren Status verlieren oder wiedererlangen.
Um Reichtum historisch räumlich verorten zu können, sind aber belastbare Daten notwendig – und genau hier beginnt das Problem. Verlässliche Zahlen zur Vermögensverteilung waren schon um 1900 umstritten und lückenhaft. Einer derjenigen, die dieses Defizit beheben wollten, war der Publizist Rudolf Martin. Martin veröffentlichte von 1911 bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg insgesamt 20 Bände des „Jahrbuch des Vermögens und Einkommens der Millionäre“ für verschiedene deutsche Länder, in denen er Namen, Adressen, Beruf, Einkommen und Vermögen zusammengetragen hatte. Mit dieser Datensammlung wollte er zeigen, wie deutlich die deutschen Vermögen gestiegen waren, wie stark sich Vermögen in wenigen Händen konzentrierte, wer die neue Wirtschaftselite war, und vor allem, dass diese mehr Geld besaß als der Kaiser. Damit ist Martins Absicht genau das, was Sozialdaten ausmacht: Gesellschaft zu beschreiben. Martin war jedoch kein staatlicher Statistiker, sondern ein privater Akteur. Gerade deshalb ist seine Publikation aus wissensgeschichtlicher Perspektive besonders aufschlussreich. Sie zeigt, dass Sozialdaten nicht nur von staatlichen Institutionen produziert wurden, sondern auch von Einzelpersonen, die Gesellschaft vermessen und beschreiben wollten.
Die Verlässlichkeit dieser Daten ist in der Forschung umstritten. Während Dolores Augustine2 eine überraschend hohe Übereinstimmung der Daten mit Angaben aus den Steuerakten der Zeit feststellt, spricht Willi A. Boelcke von „reinen Schätzungen mit einem großen Unsicherheitsfaktor”3. Dennoch wurden die Daten zu Namen, Vermögen, Einkommen und Beruf vielfach in der Wirtschafts- und Sozialgeschichte, aber auch seit kurzem in den Sozialwissenschaften genutzt. Die Adressangaben jedoch blieben bislang weitgehend unbeachtet. Genau hier setzt unser Projekt an, aus dem wir hier eine Fallstudie vorstellen wollen. Am Beispiel Kölns haben wir untersucht, wo die 271 von Martin für 1913 verzeichneten Ein- und Mehrfachmillionäre lebten. Erst durch die Geolokalisierung der Adressen4 wird die räumliche Struktur sichtbar: Die stärkste Konzentration findet sich in der nördlichen und südlichen Innenstadt. Zwar existieren einzelne Cluster außerhalb des Zentrums – darunter auch in der bekannten Villenkolonie Marienburg –, doch sind diese deutlich schwächer ausgeprägt, als es der Forschungsstand zur Entstehung von Villenvierteln erwarten ließe.
Geolokalisierte Sozialdaten in einer Karte von Lilli Rast
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
AG Sozialdaten (11. März 2026). Sozialdaten und symbolisches Kapital: Villenviertel als methodisches Labor. Sozialdaten und Zeitgeschichte. Abgerufen am 11. September 2026 von https://sozialdaten.hypotheses.org/1111